AlleinSein

Warum wir glauben, alles allein schaffen zu müssen – und was wir dabei verlieren. Über Selbständigkeit, Verletzlichkeit und den Mut einander zu brauchen.

„Da muss ich wohl allein durch.“

Diesen Satz habe ich in letzter Zeit mehrfach gehört. Von Kollegen, die vor einer beruflichen Herausforderung stehen. Von Menschen, die einfach mit jemanden die Freizeit verbringen möchten und keinen finden. Von einer Freundin, die erkrankt ist. Und von einer anderen, die über die Wechseljahre spricht und darüber, dass letztlich jede Frau selbst herausfinden müsse, wie sie damit umgeht.

Und manchmal ertappe ich mich selbst bei der Frage: Müsste ich das nicht eigentlich allein schaffen? Diese Gedanken beschäftigen mich. Denn sie werfen eine viel grundsätzlichere Frage auf: Wann haben wir eigentlich angefangen zu glauben, dass wir unser Leben möglichst allein bewältigen sollten?


Selbstständig sein – aber um welchen Preis?

Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Eigenverantwortung gelten als Stärken. Zu Recht, denn sie ermöglichen uns ein selbstbestimmtes Leben. Doch vielleicht haben wir dabei etwas durcheinandergebracht: Eigenverantwortung bedeutet nicht, alles allein bewältigen zu müssen.

Wir können stark sein und trotzdem Unterstützung brauchen. Unseren eigenen Weg gehen, ohne ihn allein gehen zu müssen. Warum fällt uns das manchmal so schwer?

Wovor haben wir eigentlich Angst? Vielleicht davor, schwach zu erscheinen oder anderen zur Last zu fallen. Vielleicht möchten wir uns nicht erklären, bewerten lassen oder ungefragte Ratschläge erhalten.

Vielleicht haben wir auch erfahren, dass Hilfe nicht immer bedingungslos ist. Dass Unterstützung Erwartungen weckt, Nähe enttäuschen kann und aus Gemeinschaft Verpflichtungen entstehen.

Auch Gruppen können uns verunsichern. Dort treffen unterschiedliche Bedürfnisse, Meinungen und Erwartungen aufeinander. Das kann bereichern, aber auch anstrengend sein. Wir möchten dazugehören, ohne vereinnahmt zu werden. Unterstützung erfahren, ohne uns verpflichtet zu fühlen. Nähe zulassen und trotzdem unabhängig bleiben.

Doch müssen wir uns wirklich zwischen Unabhängigkeit und Verbundenheit entscheiden? Kann Gemeinschaft nicht gerade dort entstehen, wo wir füreinander da sind, ohne einander die Freiheit zu nehmen?

Das Problem könnte ggf. auch nicht nur bei uns selbst, sondern auch darin liegen, wie unsere Gesellschaft über Hilfsbedürftigkeit denkt. Wer stark ist, schafft es allein. Wer psychisch belastet ist, soll an sich arbeiten, resilienter werden und möglichst schnell wieder funktionieren. Aber warum eigentlich?

Während wir körperliche Einschränkungen meist selbstverständlich anerkennen, wird das Bedürfnis nach Unterstützung bei seelischen Belastungen noch immer mitunter als Schwäche betrachtet. Dabei gehören Ängste, Krisen und Unsicherheit zum Menschsein. Selbst unsere Sprache verrät diese Haltung: Was wir im Beruf als kollegiale Beratung oder professionelles Netzwerk schätzen, wird manchmal spöttisch als „Selbsthilfegruppe“ bezeichnet.

Warum bewundern wir Menschen dafür, alles allein zu schaffen, statt auch ihre Fähigkeit wertzuschätzen, sich gegenseitig zu unterstützen? Schließlich waren Kooperation, geteiltes Wissen und gegenseitige Fürsorge schon immer wesentliche Grundlagen menschlicher Entwicklung. Warum sollten wir also ausgerechnet heute glauben, ohneeinander besser zurechtzukommen?

Möglicherweise wegen dem Internet als Gesprächspartner? Es ist heute einfacher denn je, Antworten zu finden. Wir suchen im Internet nach Erfahrungen und Erklärungen oder fragen ChatGPT nach Orientierung. Jederzeit verfügbar, ohne jemanden um Zeit bitten zu müssen.

Auch ich schätze diese Möglichkeiten. Sie helfen mir, Gedanken zu sortieren, Zusammenhänge zu verstehen und neue Perspektiven zu entdecken. Doch manchmal frage ich mich: Warum suche ich eigentlich zuerst im Internet nach einer Antwort, statt mit einem Menschen darüber zu sprechen? Vielleicht, weil es unkomplizierter ist. Weil ich mich nicht erklären muss, niemandem zur Last falle und selbst bestimmen kann, wie weit ich mich zu welcher Zeit öffne.“

Ein Gespräch mit einer Freundin liefert vielleicht nicht die perfekte Antwort. Dafür entstehen Nähe, Verständnis und manchmal die Erkenntnis, dass wir mit unseren Gedanken gar nicht so allein sind. Information ist m.E. nicht dasselbe wie Verbundenheit. Und eine Antwort ist nicht immer dasselbe wie ein Gespräch. 

Du darfst allein sein. Aber du bist es nicht.

Ich kenne dieses Gefühl, alles allein schaffen zu müssen, aus meinem eigenen Leben nur zu gut. Manchmal bin ich fest davon überzeugt, dass ich mit meinen Herausforderungen selbst zurechtkommen müsste. Wenn es schwierig wurde, ziehe ich mich zurück. Ich kapsle mich ab und weise manchmal sogar Menschen bewusst zurück, die mir nahestehen. 

Eine Freundin ließ sich davon allerdings nicht vollständig auf Abstand halten. Immer wieder geschah etwas ganz Einfaches: Wenn ich mich zurückgezogen hatte, fand ich plötzlich eine Karte von ihr im Briefkasten bzw. eine herzliche Whatsapp. Oder sie stand spontan vor meiner Tür, nahm mich kurz in den Arm, gab mir einen „fetten Knutscha“ und verschwand wieder. Keine langen Gespräche. Keine Fragen, die ich beantworten musste. Keine Erwartung, mich zu öffnen oder meine Situation zu erklären. Nur eine kleine, liebevolle Geste. Und eine Botschaft, die ich heute umso mehr zu schätzen weiß: „Du darfst allein sein. Aber du bist es nicht.“

Sie hat meinen Wunsch nach Rückzug nicht infrage gestellt. Sie wollte mich nicht retten, nichts für mich lösen und mich auch nicht zu einem Gespräch überreden. Sie hat mir einfach gezeigt, dass sie da ist. Und das, obwohl ich sie zuvor bewusst zurückgewiesen hatte.

Das Besondere an diesen Begegnungen war ihre Selbstverständlichkeit. Sie waren leicht, unkompliziert und voller Zuneigung. Meine Freundin kannte mich gut genug, um zu wissen, dass sie mir damit etwas Gutes tat. Vielleicht ist es genau das, was wir manchmal brauchen. Menschen, die uns unseren Raum lassen, ohne uns aus ihrem Leben zu entlassen. Menschen, die nicht beleidigt sind, wenn wir gerade keine Gesellschaft möchten. Menschen, die uns zeigen, dass Verbundenheit keine permanente Verfügbarkeit verlangt.

Diese Freundschaft hat mir etwas Wertvolles vermittelt: Gemeinschaft muss nicht einengen. Sie kann uns auch die Freiheit geben, ganz bei uns selbst zu sein.

Haben wir verlernt, Gemeinschaft zuzulassen?

Manchmal frage ich mich, ob wir vor lauter Selbstständigkeit vergessen haben, wie wohltuend Gemeinschaft sein kann. Wir möchten unabhängig bleiben, niemandem zur Last fallen und möglichst alles selbst regeln. Aber warum eigentlich? Natürlich ist Gemeinschaft nicht immer einfach. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen. Nähe kann anstrengend sein. Aber sie kann eben auch unglaublich guttun. Gerade dann, wenn wir merken, dass andere ähnliche Sorgen, Fragen und Erfahrungen haben.

Ich glaube, wir brauchen nicht unbedingt mehr Kontakte oder neue Verpflichtungen. Vielleicht sollten wir einfach die Beziehungen, die wir bereits haben, bewusster leben. Einander zuhören. Nachfragen. Sich Zeit nehmen. Auch dann, wenn niemand eine Lösung braucht.

Mich beschäftigt dabei besonders eines: Wir sprechen so viel über die Freiheit, unabhängig zu sein. Aber erlauben wir uns eigentlich auch die Freiheit, andere zu brauchen? Ich möchte selbst entscheiden können, wann ich für mich sein will und wann ich jemanden an meiner Seite brauche. Ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, dadurch weniger stark zu sein. Denn für mich bedeutet Selbstbestimmung nicht, alles allein schaffen zu müssen. Sondern auch die Freiheit zu haben, es nicht zu müssen.

Lasst uns Gemeinschaft wieder leben!

An alle Menschen, die glauben, sie müssten da allein durch: Andere sind diesen Weg vielleicht schon gegangen. Andere gehen ihn gerade. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, die zuhören, verstehen oder einfach da sind. Wir müssen nicht dieselben Erfahrungen machen, um füreinander da sein zu können. Und wir brauchen nicht auf alles eine Antwort, um einander zu unterstützen.

Vielleicht beginnt Gemeinschaft schon mit einer Karte, einem Gespräch oder einer Umarmung. Vielleicht auch mit dem Mut, selbst einmal zu sagen: „Ich könnte gerade jemanden an meiner Seite gebrauchen.“ Nicht als Verpflichtung. Nicht als gegenseitige Abhängigkeit. Sondern als etwas zutiefst Menschliches. Wir müssen unser Leben selbst leben. Aber wir müssen es nicht allein leben.

Ich darf meinen eigenen Weg gehen. Und trotzdem andere Menschen an meiner Seite haben.