Lass uns streichen

Veröffentlicht am 1. März 2026 um 18:37

Love it. Change it. Or leave it

Zum ersten Mal bin ich an der Universität über diesen Satz gestolpert. Damals saß ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem grauen Büro, das ich mir mit einem sehr nüchternen Kollegen teilte. Weder der Raum noch manche Aufgaben waren besonders inspirierend. Und weil ich mitten in meiner Promotion steckte, kam „leave it“ zunächst nicht infrage.

Also stellte ich mir eine ehrlichere Frage: Liebe ich, was ich hier tue – oder halte ich nur durch, weil es ein Mittel zum Zweck ist? Nicht alles war schlecht. Mit vielen Menschen arbeitete ich gerne. Doch es gab Momente, in denen sich die Tätigkeit schwer anfühlte – besonders dann, wenn ich das Erlebte mit mir allein ausmachte.

Eine Momentaufnahme ist nicht die Wahrheit

Eines Tages erzählte ich meinem Kollegen von einer Szene, die mich beschäftigte: Eine Mutter zog ihr Kind am Zebrastreifen grob am Arm. Ich war sofort innerlich auf der Seite des Kindes. Er hörte ruhig zu und sagte dann nur: „Du hast eine Momentaufnahme gesehen – ohne das Davor und das Danach.“

Dieser Satz traf mich. Ich hatte eine Situation bewertet, ohne ihren Kontext zu kennen. In diesem Moment wurde mir klar: Nicht das Ereignis bestimmt meine Haltung – sondern meine Interpretation. Wenn meine Interpretation gestaltbar ist, dann ist auch mein Handeln gestaltbar.

Drei Optionen – immer

Am nächsten Tag brachte mein Kollege mir ein Bild mit denselben drei Worten, die mich seitdem begleiten:

Love it. Change it. Or leave it.

In herausfordernden Situationen frage ich mich seitdem:

  • Liebe ich, was ich tue?

  • Kann ich den Kontext verändern – aktiv, konkret, wirksam?

  • Oder ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen?

Und tatsächlich: Manchmal reicht es, Stellschrauben zu justieren. Prozesse zu klären. Gespräche zu führen. Erwartungen zu präzisieren. Ein neuer „Anstrich“ kann den Blick verändern – und damit die Situation. Unser Running Gag lautete: „Dann lass uns mal streichen.“ Gemeint war damit, den Rahmen zu verändern – statt die Situation zu beklagen.

Wenn Veränderung nicht mehr reicht

Doch es gibt Phasen, in denen kosmetische Korrekturen nicht mehr tragen. Dann spürt man: Es geht nicht mehr um Streichen. Es geht um Substanz. In diesem Fall bedeutete das irgendwann „leave it“. Und rückblickend war es richtig. Nicht, weil es unbequem war. Sondern weil Entwicklung manchmal einen neuen Raum braucht.

Heute weiß ich:
Bleiben ist richtig, wenn Wachstum möglich ist.
Verändern ist richtig, wenn Gestaltungsspielraum da ist.
Gehen ist richtig, wenn beides nicht mehr zutrifft.

Nicht jede Situation ist ideal.
Aber jede verlangt eine Entscheidung.

Und vielleicht beginnt alles mit einer einfachen Fragestellung:

Liebe ich es? Kann ich den Kontext verändern? Oder ist es Zeit für eine andere Entscheidung?